Der Mörder ist immer der Eismeister

Drei Fragen an Frank Bröker zu seinen Eishockey-Büchern

Interessante Bücher über Eishockey, der schönsten und schnellsten Mannschaftssportart überhaupt, waren auf dem deutschen Buchmarkt bis vor wenigen Jahren nur spärlich vorhanden. Dies ärgerte den Herrn Verleger und Autor Frank Bröker so sehr, dass sie beschlossen diesen Umstand grundlegend zu ändern.

Dass aber fünf Jahre später ein umfassendes und unterhaltsames Regelbuch („Eishockey“), eine Chronik der deutschen Eishockey-Geschichte („Eishockey in Deutschland“), ein Blick über den großen Teich zur noch größeren NHL („Die Wahrheit über Eishockey“), ein Eishockey-Ausmalbuch („Puckkunst“) und ein Blick auf die „Eishockeyzwerge“ rund um den Erdball erschienen („Unsere Welt ist eine Scheibe“), hätten sich die beiden damals in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können.

Doch es soll noch lange nicht Schluss sein. Neben der ständigen Pflege der Bücher bei Neuauflagen, schreibt Frank schon am nächsten Meisterwerk und verrät an dieser Stellen zum ersten Mal etwas dazu.

Seit 2012 schreibst du Eishockey-Bücher für den Verlag Andreas Reiffer. Was fasziniert dich dabei und was unterscheidet vielleicht deine Arbeit von der journalistischen Berichterstattung?

Das passt alles wunderbar zusammen. Ich kann über mein liebstes Hobby schreiben und lerne selbst noch eine ganze Menge dazu. Jedes Buchprojekt muss man sich wie eine heißgeliebte Master-Arbeit vorstellen. Viel Recherche, viel Kontaktarbeit. Die Ergebnisse scheinen den Leuten zu gefallen. Mittlerweile bekomme ich Post aus allen möglichen Ländern, Zeitungsartikel über neue Eisflächen in den Arabischen Emiraten sind genauso darunter wie Siegerfotos mexikanischer Saisonmeister. Was die hiesige Hockeylandschaft betrifft, schneidet mir ein positiv verrückter Berliner tatsächlich jeden Zeitungsartikel aus, der ihm vor die Schere kommt. Er arbeitet praktischerweise in einem Zentralarchiv. Gemeinsam mit der Wochenzeitschrift Eishockey News ergibt das einen schönen Überblick über das, was sich die Journaille Woche für Woche aus den Fingern wringt.

Der Unterschied zwischen denen und mit ist wahrscheinlich nur der, dass ich mich nach einem nervenaufreibenden Spieltag entspannt mit einem Glühwein am Bratwurststand wiederfinde, während die Jungs und Mädels mit ihren Tablets zur Pressekonferenz müssen. Neben viel Inhaltlichem eint uns gewiss ein Gedanke: Die Eishockeygemeinde ist ein vergleichsweise überschaubarer Kosmos, zeigen wir jedem neuen Leser, wie einzigartig unsere Lieblingssportart ist. Ja, auch erklärte Fußballfans lassen sich durchaus missionieren. Geholfen hat dabei auf jeden Fall das Olympiasilber der Helden von Pjöngjang. Ein klasse Hype von Anfang des Jahres, der die Eishockeystadien zur nächsten Saison hoffentlich noch mehr füllt.

Im vergangenen Herbst erschien mit „Unsere Welt ist eine Scheibe“ dein fünftes Eishockey-Buch. Was war dabei dein besonderes Recherche-Erlebnis?

Als der Vorschlag für das Projekt eintrudelte, dachte ich beim Blick auf den Globus bloß: Oh Schreck, das schaffst Du nie. Dann wiederum: Wird schon nicht so aufwändig werden. Wer spielt in Turkmenistan, Indien, Marokko oder Malaysia schon Eishockey? Tja, und schon dauerte allein die Recherche zur erstgenannten Gemarkung einen Monat. Turkmenistan, musste ich feststellen, verfügt über ausgezeichnete Eisflächen, eine großartige Fanbasis und sitzt mittlerweile fest im Sattel des Eishockeyweltverbandes. Dabei bestehen 95 % der Landfläche aus Wüste. Glücklicherweise fand ich einen Experten aus der Region, der mir mehr über die Spieler und die Sujets vor Ort berichten konnte. Sowas findet man weder beim Googlen noch in diversen Bibliotheken. Als besonders schön empfand ich meinen lebhaften Email-Kontakt mit dem ehemaligen Chef des mongolischen Eissportverbandes. Purevdavaa Choijiljav, genannt „Pujee“, was so viel wie „Der Kurze“ bedeutet. Er schickte mir glatt Input für ein eigenes Buch über die Landesgeschichte des Eishockeys in der Mongolei. Es ging dabei um russische Arbeiter, die in den 1950er-Jahren den ersten Puck ins Land brachten, bis hin zu einem privaten Nachbarschaftsstreit der jüngsten Vergangenheit. Pujee hatte eine Spritzeisfläche auf einem eigentlich im Winter ungenutzten Parkplatz errichtet. Und der Nachbar wollte dort ausgerechnet was? Genau, parken. Im ersten Jahr gewann Pujee, dann kaufte der Nachbar vor Wut das ganze Gelände, ging daran aber pleite. Und so gewann am Ende wer? Eben. Auf genau diesem Areal wurde später die erste mongolische Eishockeysaison von Dezember bis Februar gespielt. Unter Wetterverhältnissen, die immer noch ihresgleichen suchen. Eisiger Wind wehte aus der Wüste Gobi rein, und zwar an manchen Tagen so stark, dass es die Spieler schon mal an die Bande pinnte.

Jetzt hast du wahrscheinlich fast alles über Regeln, Rituale, Historie und Ligen erzählt. Aber du ruhst dich nicht auf deinen Erfolgen aus, sondern bist schon wieder mitten im Schreibprozess. Magst du etwas über dein neustes Projekt verraten?

Ich komme eigentlich aus der Erzähler-Branche, schreibe u.a. Tourtagebuch für die Reisen mit meiner Band The Russian Doctors, und war als Krimifan lange auf der Suche nach dem perfekten Eishockey-Thriller. Das, was ich auf dem deutschen Markt fand, hat mich, sagen wir mal, negativ erstaunt. Motto: Das wichtige Playoff-Spiel ist aus. Kommissarin Müller findet in der Hockeytasche des sexy Verteidigers Marlon einen Bluttropfen, der Geruch süßen Duschbades kriecht ihr in die Nase. Mit dem ermordeten Puckbunny Cindy soll er was gehabt haben (…) Und am Ende ist der Mörder immer wer? Na klar, der Eismeister. Wo ist der Fehler? Hier: Nach einem Spiel in der fortgeschrittenen Saison müffelt eine Hockeytasche wie ein ranziger Käse und riecht keineswegs nach Seife. Als ich mein Leid einem Autor klagte, hat er mir gesagt: Was nicht da ist, musst eben Du schreiben. Und somit ermittelt mein Team des Edmonton Police Service gerade im verschneiten Alberta: Auf dem Highway wird ein 17-jähriger Austauschschüler aus Köln bestialisch zerstückelt. Rund um das NHL-Stadion der Oilers tragen sich weitere, brachiale Morde zu. Immer trifft es Cracks aus diversen Ligen. An den Tatorten werden Hockeygedichte hinterlegt, die Spur führt die Ermittler auf ein vor Jahren im Indianerreservat 146 stattgefundenes Match bei dem (…)

„Pulling The Goalie“ lautet der Arbeitstitel. Aber – wie heißt es so richtig in den ungeschriebenen Weisheiten des Hockeyautors? Niemals vor Schreibbeginn einen Titel festlegen. Das bringt Unglück. Wir wollen doch nicht, dass der Mörder am Ende der Gärtner, ähm, der Eismeister ist.

Zu den Eishockey-Büchern von Frank Bröker

Frank Bröker betreibt auf Facebook die Seite „Der 7. Mann“ 

Bild 1: Frank Bröker liest bei den Karwendel-Games 2016, Bild 2: Verleger und Autor bei der Eishockey-WM in Köln 2017. Alle Fotos: Andreas Reiffer

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