Bäuerlich-infantile Magie

Drei Fragen an Makarios Oley zu S.W. Pratajev

Im vergangenen Jahr wurde unsere »Pratajev-Bibliothek« 15 Jahre alt. Stolze 13 Bände umfasst sie bereits, zuletzt kam das zweite Pratajev-Liederbuch der Russian Doctors um Makarios Oley und Frank Bröker hinzu. Besonders ohne Oley wüssten wir wohl nichts über den großartigen russischen Dichter, Lebemann, Karussellführer, Trinker und Teilzeitveterinär S.W. Pratajev (1902–1961).

Erzähl bitte noch mal unseren jüngeren Leser*innen, wie es zur Wiederentdeckung und Popularität S. W. Pratejevs hierzulande kam?

Pratajev erschien mir Ende der 1980er Jahre in einem Buch, welches in der Druckerei, in der ich damals arbeitete, gedruckt wurde. Und weil das alles so unglaublich und rätselhaft war, habe ich mich dazu entschlossen, alles von Pratajev auszugraben, was noch auszugraben war. Immerhin war Pratajev schon 25 Jahre tot und sein Nachlass in alle Winde verstreut. 

Neben Neuentdeckungen aus dem Hauptwerk Pratajevs tauchen im Buchmagazin »Haus aus Stein« auch Plagiate und Forschungsberichte auf. Was treibt die Pratajev-Anhänger (bzw. -Neider) nur zu solchen Taten?

Nun, wer einmal die Geschichten und Gedichte von Pratajev gelesen hat, kann sich der bäuerlich-infantilen Magie, welche von ihnen ausgeht, kaum widersetzen. Und weil zum Beispiel seine Gedichte oft sehr einfach erscheinen – wohlgemerkt, nur erscheinen, in Wirklichkeit sind es raffinierte und gut durchdachte Arbeiten –, denkt so mancher, ach das kann ich auch und schiebt mir dann irgendein Geschreibsel unter, in der Hoffnung, dass es niemand mitkriegt. Aber klar, wir kriegen das mit, Pratajevs Stil ist einzigartig. Damit die Plagiate aber nicht gänzlich umsonst verfasst wurden, haben wir, also die Pratajev-Gesellschaft, ihnen im »Haus Aus Stein« eine Bühne gegeben. Auch, um aufzuzeigen, dass Pratajevs Lyrik unerreicht bleibt.

Die wichtigste Frage – können wir mit weiteren wichtigen Entdeckungen von Pratajevs Schriften rechnen? Oder ist es eher wahrscheinlich, dass ein Großteil seines Werkes für immer verschollen bleiben wird?

Ich muss sagen, dass noch sehr viel, wirklich sehr viel Material unbearbeitet brach liegt. So Pratajevs großer Kriminalband »Die Kriminalfälle des Igor Pavlowitsch«, von welchem es einen zweiten, nur als Manuskript vorliegenden Nachfolger gibt. »Igor Pavlowitsch kommt zurück« heißt das Werk. Auch harren viele seiner lose verfassten Gedichte noch der Aufbereitung und zum Teil der Übersetzung. Vieles hat Pratajev ja in einer heute nicht mehr gebräuchlichen Hirtensprache geschrieben. Das macht die Sache nicht einfacher und selbst muttersprachliche Russen kapitulieren dann und kriegen nur Fragmente zusammen. Eigentlich gibt es ja bisher nur zwei, drei wirkliche Pratajev-Bücher als Primärliteratur, ein neuer Band sollte schon noch kommen. Das aber erst, wenn ich mehr Zeit fürs Schreiben habe. Wer mich kennt, weiß ja, dass mich meine Bands Die Art und The Russian Doctors ziemlich in Anspruch nehmen. Jetzt ist auch noch Die Zucht dazugekommen, da muss Pratajev eben noch ein klein wenig warten. 

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Foto: Oliver Baglieri

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