Wie ein Kind, das im weltgrößten Spielzeugladen allein gelassen worden ist

Drei Fragen an Stefan Thoben zu »Ein Traum in bunt. Entdeckung Ruhrgebiet«

Ursprünglich wollte der hannoversche Journalist und Fotograf Stefan Thoben mit seinem Rennrad nur eine einmonatige Urlaubsreise durch das, für ihn bis dahin unbekannte, Ruhrgebiet machen. Begeistert von den vielen herzlichen und beeindruckenden Begegnungen mit Menschen, Kultur, Geschichte, Städten und Landschaften, formte Thoben aus seinen Reisenotizen das essayistische und bildgewaltige Buch »Ein Traum in bunt. Entdeckung Ruhrgebiet«.

Deine Reisereportage ist ein erfrischender und neugieriger Blick eines »Fremden« auf die Region zwischen Dortmund und Duisburg. Was hat dich am meisten auf deiner Reise überrascht?

Es hat mich gar nicht so viel überrascht. Ich habe ein knappes Jahr vor meiner Reise begonnen, jeden Schnipsel über das Ruhrgebiet zu sammeln und war somit ein informierter Fremder und keiner, der vom Mars ins Revier heruntergefallen ist. Es lässt sich gut vergleichen mit der Erfahrung, die viele Menschen bei ihrem ersten New-York-Trip machen: Wir alle kennen New York aus Film und Fernsehen, aus Büchern und Zeitschriften und sobald man dort ist, fühlt sich vieles sehr vertraut an. Und doch ist die Realität nicht deckungsgleich mit unseren Projektionen. Je mehr ich übers Ruhrgebiet erfahren habe, desto größer wurde die Spannung, es kennenzulernen. Ich hatte zum Beispiel keine Vorstellung davon, wie das Ruhrgebiet zwischen den Städten aussieht. Es ist faszinierend, wie beim Radfahren teilweise im Minutentakt der Phänotyp wechselt. Das Ruhrgebiet zu erkunden, ist unglaublich abwechslungsreich – ich kam mir vier Wochen lang vor wie ein Kind, das im weltgrößten Spielzeugladen allein gelassen worden ist, inklusive eines »All you can eat«-Büfetts voller Süßigkeiten.
Interessanterweise wird New York sehr gerne als Vergleich herangezogen: #ruhryork ist eines der populärsten Social-Media-Schlagworte (mit bald 75.000 Einträgen bei Instagram). Till Brönner nannte seine große Fotoausstellung in Duisburg »Melting Pott«. Ich bin bei diesen Vergleichen hin- und hergerissen, weil da immer mitschwingt, dass sich das Ruhrgebiet selbst nicht genügen kann. Manchmal scheint es, als benötige es wie ein pubertierendes Kind permanent Bestätigung von außen, dass es cool so ist, wie es ist, während es sofort gekränkt ist, wenn es sich falsch verstanden fühlt. Dabei hinkt der Vergleich mit New York doch gewaltig. Wo bitte ist der »Big Apple« ländlich? New York ist so dicht besiedelt, dass niemand darüber murrt, dass das Footballstadion in New Jersey liegt (stellt euch vor, der BVB würde ein neues Stadion in Herdecke bauen). New York hat weder natürliche noch künstliche Berge und zieht auch bei der Industriekultur den Kürzeren.
Die ist im Revier bekanntlich beispiellos. Der Düsseldorfer Künstler Ferdinand Kriwet hat es leicht überspitzt so formuliert: »Als größte künstliche Landschaft Europas hat das Ruhrrevier die Chance, zum größten Kunstwerk der Welt zu werden! Las Vegas und die Alpen sind nichts gegen das Ruhr-Kunstwerk! Glückauf!!!« Wohlgemerkt stammen diese Worte aus dem Jahr 1966, und seitdem hat sich in diese Richtung jede Menge getan. Ich würde mich freuen, wenn mein Buch einen Beitrag dazu leisten kann, das Ruhrgebiet als bunten, kreativen und extrem abwechslungsreichen Lebensraum wahrzunehmen – ohne Verklärung und Schönfärberei.

Eigentlich wolltest du ja nur einen Monat durch das Ruhrgebiet radeln und Urlaub machen. Gab es den einen zündenden Moment, in dem du beschlossen hast, ein Buch zu schreiben?

Ich musste erst einmal quer durchs Ruhrgebiet radeln, um auf die Idee zu kommen, ein Buchprojekt daraus zu machen. Ich war bereits drei Wochen unterwegs, als ich in Oberhausen in die älteste Arbeitersiedlung des Ruhrgebiets kam, die sich bis heute eine äußerst charmante dörfliche Idylle erhalten hat. Vor zwanzig Jahren gab es eine beliebte WDR-Doku-Soap namens »Die Helden von Eisenheim«. Der Star dieser Serie war der Taubenkönig Manfred Heldt und eigentlich wollte ich nur schauen, ob sein Taubenschlag noch steht. Zehn Minuten später saß ich bei dem mittlerweile fast achtzigjährigen Heldt auf dem Sofa, der mir voller Stolz seine Pokale zeigte und gleich noch seinen Sohn vorstellte, der selbst eine Marke ist. Das weckte natürlich den Journalisten in mir.
Die Gastfreundschaft der Familie Heldt hat mich sehr berührt, zugleich erschien mir der »Culture Clash« fast surreal. Das Taubenzüchterlatein kapierte ich erst mit Nachhilfe und bei einigen meiner Nachfragen muss Heldt gedacht haben, ich sei vom Mond. Am absurdesten war meine Erkundigung, ob Heldt manchmal ins nahegelegene CentrO geht. Absurd, weil ein größerer Anachronismus gar nicht denkbar ist: Der Taubenkönig beim Shoppen in Deutschlands größtem Einkaufszentrum – da entstehen sofort amüsante Bilder in meinem Kopf. Vielleicht sollte Manfred Heldt mal gefragt werden, ob er nicht Lust auf ein neues Reality-TV-Format hat.

Dein Buch steckt voller Querverweise auf Ruhrgebietsliteratur. Warum lohnt sich eine Beschäftigung mit dem »Ruhrgebiets-Kanon«?

Literatur ist für mich der allerbeste Reiseführer. David Foster Wallace sprach mal von der Magie, durch Literatur in die Haut eines anderen Menschen schlüpfen zu können. Und genau darum geht es beim Reisen doch: sich in eine »fremde« Lebenswelt einzufühlen. Ich denke, wir alle kennen die Enttäuschung, vor einer heiß ersehnten Sehenswürdigkeit zu stehen, und dann sieht diese nicht anders aus als auf den Fotos, die wir von klein auf kennen. Und vor allem stehen wir nicht alleine davor, sondern mit hunderten anderen Menschen, die unbeirrt und nicht selten vergeblich das Gleiche suchen wie wir selbst. Literatur eröffnet mir da einen anderen Horizont und funktioniert wunderbar als Alleinunterhaltungsprogramm. Wenn ich mit den Romanfiguren von Paul Auster, Jonathan Lethem oder Betty Smith durch New York laufe, erfahre ich eine Wirklichkeit, die mir sonst verborgen bleibt. Im Ruhrgebiet habe ich das zum Beispiel mit Büchern von Wolfgang Welt und Hilmar Klute (»Was dann nachher so schön fliegt«) gemacht. Und wenn Klutes Protagonist, ein literaturbegeisterter Zivildienstleistender in den 80er Jahren, am Herdecker Marktplatz einen Eisbecher bestellt, mache ich das eben auch.
Der »Ruhrgebiets-Kanon« war für mich ein guter Einstieg in das Thema, ist aber unvermeidlich auch ein Abbild der gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Vermeintliche »Standardwerke« können furchtbar langweilig sein. Deshalb lohnt es, auch abseits des Mainstreams auf Entdeckungsreise zu gehen und da kratze ich immer noch an der Oberfläche. Das gilt nicht nur für Literatur. Mein Ziel ist es, jeden Stadtteil des Ruhrgebiets bereist zu haben, und da das jeweils bloß Momentaufnahmen sind, kann ich anschließend gleich wieder von vorne anfangen. Einer meiner Lieblingsmusiker Sufjan Stevens, dem ich meinen ersten Wochenendausflug nach Essen zu verdanken habe, hatte mal den Plan, allen fünfzig US-Bundesstaaten ein eigenes Album zu widmen. Mein Buchprojekt ist sicher ähnlich ambitioniert, weil es alles auf einmal sein möchte: eine Liebeserklärung ans Ruhrgebiet, ein Geschichts- und Geschichtenbuch, alternativer Reiseführer, Bildband, Gesellschaftskommentar und groß angelegter Versuch, das Ruhrgebiet zu verstehen. »Ein Traum in bunt« soll so bunt sein wie die Popsongs von Sufjan Stevens.

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Fotos: Stefan Thoben, Autorenfoto: Saskia Karl

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