Nicht aus der Tüten-Metal-Abteilung

Drei Fragen an Frank Schäfer zu »Die Neuerfindung des Rock’n’Roll« 

Mit »Die Neuerfindung des Rock’n’Roll« erscheint dieser Tage der dritte Band der noch sehr jungen edition kopfkiosk. Und wahrscheinlich wurde diese Reihe genau für Autoren wie Frank Schäfer geschaffen – für hervorragende und treffsichere Essayisten. Für Autoren, die Texte über Musik selber zu einer Kunstform ausgestalten können. 

Die chronologische Entstehungsgeschichte von Hard Rock und Heavy Metal lässt sich in vielen Werken nachlesen, notfalls in Wikipedia-Einträgen. Was ist das Besondere deiner Herangehensweise an das Thema in »Die Neuerfindung des Rock’n’Roll«?

Der Witz ist ja gerade, dass ich gar nicht vorhatte, die Ur- und Vorgeschichte des Heavy Metal zu schreiben, ich hatte überhaupt kein Konzept. Das sind alles Aufsätze, die mir unterlaufen sind, weil mich die Themen und Anlässe interessiert haben und von denen ich dann dachte, eitel wie ich nun mal bin, das muss man mal zusammenbinden. Als es dann ein Verleger machen wollte, einer, der mir irgendwie hörig ist und mir keinen Wunsch abschlagen kann, fiel mir auf, dass ich zwar fröhlich und unbeschwert durch die Rockgeschichte mäandere und piratisiere, aber am Ende immer beim Metal lande. Das hat schon was Zwanghaftes, ich weiß. Aber für den Leser vielleicht den Vorteil, dass er auch mal was liest, was man nicht bei Rewe in der Tüten-Metal-Abteilung kaufen kann. Umwege erhöhen ja bekanntlich die Ortskenntnis. Da geht es eben auch um Religion in der Rockgeschichte oder um die Entstehung der E-Gitarre, die Genese der Gitarrenhelden und eben auch um Rory Gallagher, den Hard Rocker kaum kennen, aber besser schnell mal kennenlernen sollten.

Konkret, was sind das für Texte?

Es steht da nicht von ungefähr Essays im Untertitel. Das ist eine literarische Gattung. Ein großer Rockschreiber wie Greil Marcus wusste das natürlich schon immer. Der hat mal über Lester Bangs geschrieben, es sei doch erstaunlich, dass der beste Schriftsteller Amerikas bloß Plattenkritiken geschrieben habe. Auch Texte über Musik können Literatur sein. Das hat mir immer eingeleuchtet. Und das muss zumindest als Prätention bei jedem Musikkritiker sichtbar werden. Das ist die einzige Möglichkeit, wie man Musikkritik heute noch ernsthaft betreiben kann, die ja seit Jahrzehnten an Einfluss verliert, zumindest als Geschmacksbildungsinstanz und als merkantiler Reaktionsbeschleuniger. Die Plattenfirmen brauchen einen nicht mehr so wie früher, na und? Deshalb soll man es nicht mehr machen? Im Gegenteil, wer es ernst meint, fängt jetzt erst richtig an. 

Zum Schluss noch eine Zeitmaschinenfrage: Welche in deinem Buch vorgestelle Band bzw. welchen Musiker hättest du gerne 1969 gesehen? 

Darf ich noch ein Jahr weiter zurückreisen? Die immer noch ambitionierte, aber schon aus dem letzten Loch pfeifende Fuzz-Rock-Truppe Yardbirds mit Jimmy Page als destruktiven Zeremonienmeister, hätte ich gern gesehen. Es gibt nicht so viele Zeugnisse davon, und dann ist der Sound meist bedenklich mies. Wie sich Sänger Keith Relf, Page und die anderen an einem guten Abend, zum Beispiel am 30. März 1968, noch einmal mit vollem Einsatz gegen die drohende Auflösung stemmen, wie sie mit bloßer Physis den Laden doch noch zusammenhalten wollen, das muss man wohl tatsächlich live erlebt haben, die Ton- und Bilddokumente lassen das immerhin erahnen.

Zum Buch und zur Leseprobe

Die Presse über das Buch (Auswahl):

subway 06/2020

KrautNick Magazin, 17.06.2020

Wildwechsel, 18.06.2020

Rockmagazine, 06.06.2020

Autorenfoto: Moritz Thau

Ein Kommentar zu “Nicht aus der Tüten-Metal-Abteilung

  1. Achim Gedrat, Scheeßel am :

    Hallo Herr Schäfer,

    mit großem Vergnügen und manchem breiten Grinsen im Gesicht hab‘ ich Ihre Essays „Die Neuerfindung des Rock’n’Roll“ in nahezu einem Rutsch gelesen. Besonders „Keine Pausen schon seit Oberhausen“ fand ich insofern berührend/lustig/bemerkenswert, da ich a.) in Scheeßel wohne, mich b.) natürlich noch an die Bilder der brennende Bühne erinnern kann, c.) die genannte LP von Franz K. „Wir haben Bock auf Rock“ sowie d.) die LP von Bauer, Garn & Dyke „Sturmfrei“ im Original besitze (lag natürlich heute mal wieder auf dem Plattenteller). Zumindest Hannes Bauer hab‘ ich zudem live gesehen – bei Franz K. bin ich mir da nicht mehr so sicher. Vielen Dank für den heimeligen Time-Tunnel-Moment.

    Gruß, Achim Gedrat

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